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Futur II im Deutschunterricht – die vollendete Zukunft unterrichten

Das Futur II verständlich erklären: Bildung, Verwendung und Unterrichtstipps für die Sekundarstufe

Lynn-Sven Kohl

Veröffentlicht am 08.04.2026

Zuletzt atkualisiert am 08.04.2026

    Was ist das Futur II – und warum ist es so selten?

    Das Futur II, auch vollendete Zukunft genannt, ist die komplexeste und im Alltag seltenste Zeitform der deutschen Sprache. „Bis morgen werde ich den Bericht fertiggestellt haben.“ „Sie wird das Paket wohl schon abgeschickt haben.“ Wer diese Sätze analysiert, erkennt das Besondere: Das Futur II beschreibt entweder eine Handlung, die zu einem zukünftigen Zeitpunkt bereits abgeschlossen sein wird – oder es drückt eine Vermutung über etwas aus, das in der Vergangenheit oder Gegenwart möglicherweise schon geschehen ist.

    Diese doppelte Funktion – Zukunftsbezug und Vermutung – macht das Futur II zu einer Zeitform, die Schüler zwar selten aktiv einsetzen, aber im Textverständnis und in der Grammatikanalyse sicher beherrschen müssen. Im schulischen Kontext steht es deshalb am Ende der Zeitformen-Progression: als Abschluss eines langen Lernwegs, der mit dem Präsens begann.

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    Ab welcher Klasse wird das Futur II unterrichtet?

    Das Futur II ist die letzte Zeitform, die im Deutschunterricht systematisch eingeführt wird – und das mit gutem Grund:

    • Klasse 3 (optional): Erste, oberflächliche Begegnung im Rahmen der Zeitformen-Übersicht; keine tiefere Regelarbeit.
    • Klasse 5–6: Gelegentliche Erwähnung im Kontext der Zeitformen-Wiederholung in der Sekundarstufe; Schüler lernen die Existenz der Zeitform kennen.
    • Klasse 7–8: Systematische Einführung an Gymnasium, Realschule und Mittelschule; Bildungsregel und grundlegende Verwendungsweisen werden erarbeitet.
    • Klasse 9 und höher: Bewusster Einsatz in der Textanalyse; das Futur II als Stilmittel in literarischen und journalistischen Texten erkennen und einordnen.

    Das Futur II eignet sich nicht für einen frühen Einstieg. Es setzt voraus, dass Schüler das Partizip II sicher beherrschen, die Hilfsverbwahl von haben und sein kennen und die Konjugation von werden fest verankert haben. Wer zu früh einführt, riskiert Verwirrung statt Verständnis.


    Wie wird das Futur II gebildet?

    Das Futur II ist eine dreiteilige zusammengesetzte Zeitform – das macht sie strukturell anspruchsvoller als alle anderen Zeitformen:

    Grundstruktur: konjugiertes werden + Partizip II des Hauptverbs + Infinitiv von haben oder sein

    PersonBeispiel mit habenBeispiel mit sein
    ichwerde … gelesen habenwerde … gefahren sein
    duwirst … gelesen habenwirst … gefahren sein
    er/sie/eswird … gelesen habenwird … gefahren sein
    wirwerden … gelesen habenwerden … gefahren sein
    ihrwerdet … gelesen habenwerdet … gefahren sein
    sie/Siewerden … gelesen habenwerden … gefahren sein

    Die Wahl zwischen haben und sein folgt denselben Regeln wie beim Perfekt und Plusquamperfekt: Verben mit Ortsveränderung oder Zustandswechsel (fahren, einschlafen, aufwachen) bilden das Futur II mit sein, alle anderen mit haben.

    Im Nebensatz wandert werden ans Ende, Partizip II und Infinitiv stehen direkt davor: „Ich bin sicher, dass er den Brief bis morgen geschrieben haben wird.“

    Diese Wortstellungsregel ist eine häufige Fehlerquelle und sollte explizit geübt werden.


    Die zwei Verwendungsweisen des Futur II

    Das Futur II hat im Deutschen zwei klar unterscheidbare Funktionen, die beide im Unterricht thematisiert werden sollten:

    1. Vollendete Zukunft – eine Handlung wird zu einem zukünftigen Zeitpunkt abgeschlossen sein:

    Diese Verwendung beschreibt einen Ablauf in der Zukunft, bei dem ein Ergebnis oder ein Abschluss erwartet wird – oft in Verbindung mit einer Zeitangabe.

    „Bis Freitagabend werde ich die Hausarbeit fertiggestellt haben.“ „In zwei Jahren wird sie ihr Studium abgeschlossen haben.“

    2. Vermutung über die Vergangenheit oder Gegenwart:

    Diese Verwendung ist die im Alltag häufigere – und für viele Schüler die überraschendere. Das Futur II drückt hier keine Zukunft aus, sondern eine unsichere Annahme darüber, was bereits geschehen ist oder gerade der Fall ist.

    „Er wird den Zug wohl verpasst haben.“ (= Ich vermute, dass er ihn verpasst hat.) „Sie wird inzwischen angekommen sein.“ (= Ich nehme an, dass sie bereits da ist.)

    Typische Begleiter dieser Verwendungsweise sind die Modalpartikeln wohl, wahrscheinlich und sicher – sie signalisieren, dass eine Vermutung und keine Gewissheit ausgedrückt wird.


    Futur II vs. andere Zeitformen: Abgrenzung im Unterricht

    Das Futur II tritt häufig in direkter Nähe zu anderen Zeitformen auf, was zu Verwechslungen führt. Diese Gegenüberstellungen helfen im Unterricht:

    ZeitformBeispielBedeutung
    Futur IEr wird kommen.Er kommt (zukünftig).
    Futur IIEr wird gekommen sein.Er ist (dann) bereits gekommen.
    PerfektEr ist gekommen.Er kam (und es hat Bezug zur Gegenwart).
    PlusquamperfektEr war gekommen.Er kam, bevor etwas anderes geschah.

    Diese Tabelle eignet sich gut als Tafelanschrieb oder Heftübersicht in der Erarbeitungsphase.


    Signalwörter für das Futur II

    Signalwörter helfen Schülern beim Erkennen der Zeitform im Text:

    bis dann, bis morgen, bis nächste Woche, bis dahin, in zwei Stunden, wenn … dann, wohl, wahrscheinlich, sicher, vermutlich, inzwischen

    Besonders wohl und wahrscheinlich sind wichtige Indikatoren für die Vermutungsfunktion des Futur II – und gleichzeitig ein klares Unterscheidungsmerkmal zum Futur I, das ebenfalls Vermutungen ausdrücken kann, aber keine abgeschlossene Handlung impliziert.


    Differenzierung: Das Futur II für verschiedene Lernniveaus

    Das Futur II ist anspruchsvoll – eine kluge Differenzierung ist deshalb besonders wichtig:

    • Grundlegendes Niveau: Vorgegebene Sätze im Futur II lesen, die Zeitform erkennen und die Bedeutung erklären; Sätze mit vorgegebenen Verben und Hilfsverben ergänzen.
    • Mittleres Niveau: Einfache Sätze selbst ins Futur II umformen; zwischen den beiden Verwendungsweisen unterscheiden; typische Fehler in vorgegebenen Sätzen erkennen und korrigieren.
    • Erweitertes Niveau: Das Futur II als Stilmittel in Texten analysieren; eigene Sätze mit Vermutungscharakter formulieren; Futur I und Futur II in ihrer Bedeutung bewusst gegenüberstellen und den Unterschied erläutern.

    Für DaZ-Schüler ist das Futur II besonders anspruchsvoll, da es eine Zeitform ist, die im mündlichen Sprachgebrauch kaum vorkommt. Die Begegnung mit dieser Zeitform sollte deshalb primär über schriftliche Texte und Leseaufgaben erfolgen, bevor eine aktive Produktion erwartet wird.


    Praxistipps: So gelingt der Einstieg ins Futur II

    • Zeitformen-Leiter nutzen: Das Futur II als letzten Schritt einer Zeitformen-Treppe einführen – visuell, mit allen sechs Zeitformen auf einem Blick. Schüler sehen sofort, wo es einzuordnen ist.
    • Vermutungssätze sammeln: „Was hat Frau Klein heute Morgen wohl schon erledigt?“ – Solche Impulse erzeugen spielerisch Futur-II-Sätze mit Vermutungscharakter, ohne dass die Regel vorher erklärt werden muss.
    • Zeitangaben als Anker: Sätze mit Zeitangaben wie bis Freitag oder bis zum Ende der Stunde erzeugen natürlich die erste Verwendungsweise des Futur II und machen die zeitliche Logik greifbar.
    • Texte analysieren statt nur produzieren: Gerade beim Futur II ist das sichere Erkennen im Text mindestens genauso wichtig wie die aktive Verwendung. Kurze Lesetexte mit markierten Futur-II-Formen und Analyseaufgaben entlasten den Einstieg.

    Mein Fazit

    Das Futur II ist die Zeitform, bei der ich meinen Schülern am meisten Zeit lasse. Es ist komplex, es ist selten, und wer es überstürzt, erntet Verwirrung. Ich führe es erst dann ein, wenn Partizip II, Hilfsverbwahl und Futur I wirklich sitzen – und dann meistens über Vermutungssätze, weil die im Alltag noch am ehesten vorkommen. Was mich jedes Mal überrascht: Wenn Schüler erst einmal verstanden haben, dass das Futur II gar nicht so oft Zukunft beschreibt, sondern häufig eine Einschätzung über Vergangenes ausdrückt, macht das Thema plötzlich Sinn. Gut strukturiertes Material, das genau diese beiden Verwendungsweisen klar trennt, ist dabei der entscheidende Schlüssel.

    Lynn-Sven Kohl

    Redakteur/in

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